In der zweiten Phase der Innovation-Sandbox für Künstliche Intelligenz (KI) hat der Kanton Zürich fünf KI-Anwendungsfälle unter realen Bedingungen getestet. Die Projekte reichten vom Baubewilligungsverfahren, über medizinische Dokumentation, eine digitale Augenklinik und sensorbasierter Brückenüberwachung bis zu Inspektionsrobotern. Es habe sich gezeigt, dass KI insbesondere dort einen Mehrwert schaffen könne, wo sie klar definierte und praxisnahe Aufgaben unterstütze, heisst es in einer Aussendung dazu.
Das Baubewilligungsverfahren etwa sei komplex, rechtlich anspruchsvoll und für alle Beteiligten mit hohem Aufwand verbunden, schreibt der Kanton. Unvollständige oder fehlerhafte Eingaben führten regelmässig zu Rückfragen und Verzögerungen. Im Projekt "KI bei Baubewilligungen" habe die Innovation-Sandbox mit den Projektpartnern Gossweiler Ingenieure, Byte Studio und Nokema untersucht, wie künstliche Intelligenz im Verfahren sinnvoll eingesetzt werden könne. Entwickelt wurde demnach ein Prototyp für einen KI-gestützten Vorabcheck im Meldeverfahren, etwa für Solaranlagen, Wärmepumpen oder Ladestationen. Dieser helfe Gesuchstellenden dabei, frühzeitig zu erkennen, ob die Unterlagen vollständig sind und wo formale Angaben fehlten oder verbessert werden müssten. Die Bearbeitung und inhaltliche Beurteilung eines Baugesuchs übernehme die KI nicht. Diese Aufgabe bleibe bei den zuständigen Behörden, heisst es.
Das Projekt wurde den Infos zufolge in enger Abstimmung mit der Baudirektion durchgeführt und stützte sich auf reale Baubewilligungsdaten der Stadt Kloten. Es habe wertvolle Hinweise zur Beantwortung eines Postulats geliefert, wie Baubehörden entlastet und das Baubewilligungsverfahren beschleunigt werden könne.
"Der Kanton Zürich will das Potenzial von künstlicher Intelligenz dort nutzen, wo es den Menschen konkret entlastet. Das Projekt zu den Baubewilligungen zeigt exemplarisch, wie verantwortungsvoll eingesetzte KI zu besseren Eingaben und mehr Effizienz beitragen kann – ohne die Entscheidungskompetenz und die Verantwortung der Behörden zu schwächen", betont Regierungspräsidentin und Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh.
Das Amt für Wirtschaft testet seit 2022 in der Innovation-Sandbox konkrete KI-Anwendungen gemeinsam mit Partnern aus Verwaltung, Wirtschaft und Forschung. Dabei werde auch geklärt, welche rechtlichen, technischen und organisatorischen Bedingungen für den Einsatz solcher Anwendungen erfüllt sein müssten. Die Erkenntnisse aus den Projekten werden in Leitfäden aufbereitet und öffentlich zugänglich gemacht.
Für die zweite Projektphase der Innovation-Sandbox reichten laut Aussendung insgesamt 24 Organisationen ihre KI-Projekte ein, wovon schliesslich fünf Projekte ausgewählt und umgesetzt worden seien. Neben den Baubewilligungen wurden demnach in vier weiteren Sandbox-Projekten Erkenntnisse gewonnen:
Medizinische Dokumentation:
Untersucht wurde anhand des Beispiels der Firma MPAssist, wie Künstliche Intelligenz Ärztinnen und Ärzte beim Transkribieren und Strukturieren medizinischer Berichte entlasten kann. Die Ergebnisse hätten gezeigt, wie sich Effizienzgewinne und strenge Datenschutzanforderungen verbinden liessen – und damit den KI-Einsatz zur administrativen Entlastung des Gesundheitspersonals unterstützten.
Digitale Augenklinik:
Geprüft wurde mit der Augenklinik des Stadtspitals Triemli und Spross Stiftung zur Förderung der Augenheilkunde, wie KI die Auswertung von Netzhautbildern in der klinischen Praxis unterstützen kann. Das Projekt habe gezeigt, dass lokal betriebene KI-Modelle auch bei hochsensiblen Gesundheitsdaten zuverlässig zur Diagnostik beitragen und damit auch neue Einsatzmöglichkeiten in Fachbereichen wie Radiologie oder Dermatologie eröffnen könnten.
Sensorbasierte Brückenüberwachung:
Im Zentrum sei hier die Frage gestanden, wie Daten und KI dazu beitragen könnten, den Zustand einer Bahnbrücke in Wädenswil präziser zu beurteilen und Unterhaltsentscheide besser zu planen. Die Resultate des Projekts mit Irmos Technologies und der Schweizerischen Südostbahn AG hätten deutlich gemacht, dass Sensordaten klassische Vor-Ort-Inspektionen sinnvoll ergänzen und damit einen Beitrag zur Sicherheit und nachhaltigen Bewirtschaftung alternder Infrastruktur leisten könnten.
Autonome Inspektionsroboter:
Untersucht wurde in diesem Bereich, unter welchen regulatorischen Voraussetzungen Robotiksysteme für Inspektionen in kritischer Infrastruktur wie Energieanlagen eingesetzt werden könnten. Die Ergebnisse des Projekts mit dem Zürcher Unternehmen ANYbotics hätten gezeigt, wie Organisationen Anforderungen über Zertifizierungen und Standards erfüllten – und damit den Weg für den sicheren Einsatz sowie den Zugang zum europäischen Markt für Schweizer Robotikfirmen ebneten.
"Die zweite Phase der KI-Sandbox zeigt, dass die künstliche Intelligenz vor allem dort Mehrwert schafft, wo sie konkrete, praxisnahe Aufgaben unterstützt. Für den breiten Einsatz braucht es deshalb nicht nur leistungsfähige Modelle, sondern auch Testumgebungen, die die Technologie mit sauberen Daten, klaren Prozessen, menschlicher Kontrolle und verlässlichen rechtlichen Rahmenbedingungen zusammenbringen", kommentiert Raphael von Thiessen, Programmleiter KI-Standort im Amt für Wirtschaft.
Das Fazit des Kantons: "Die Innovation-Sandbox schafft praxisnahe Erkenntnisse, die über die einzelnen Anwendungsfälle hinaus für das gesamte KI-Ökosystem relevant sind. Sie zeigt, unter welchen rechtlichen, technischen und organisatorischen Voraussetzungen KI verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, und liefert damit wertvolle Grundlagen für Unternehmen, Behörden und Forschung. Damit leistet sie auch einen Beitrag zu den laufenden Arbeiten auf nationaler Ebene, wo Fragen der KI-Regulierung und weiterer begleitender Massnahmen derzeit konkretisiert werden."
Nach Abschluss der zweiten Phase der Innovation-Sandbox habe bereits die Evaluation der Bewerbungen für die dritte Phase begonnen, heisst es in der Mitteilung weiters. Mit 57 Bewerbungen habe es im Vergleich zur vorherigen Projektperiode eine deutliche Zunahme gegeben. Die meisten Einreichungen stammen den Infos gemäss aus dem Bereich Gesundheit, gefolgt von der Kernverwaltung sowie Bau und Raum. Zudem seien mehrere Bewerbungen zu KI-Governance-Lösungen eingegangen, also zu Ansätzen, wie der verantwortungsvolle und rechtskonforme Einsatz von KI sichergestellt werden könne. Dies deutee darauf hin, dass in diesem Bereich zunehmend Bedarf an Orientierung und Klärung bestehe.
