Symbolbild: Fotolia/Aihumnoi

Die jetzt auf der ISC-Konferenz in Hamburg veröffentlichte 67. Ausgabe der Liste der leistungsstärksten Supercomputer markiert einen Wendepunkt. Nach mehrjähriger Abwesenheit an der Spitze hat China die technologische Krone zurückerobert und läutet eine neue, globale Phase des "Exascale-Computing“ ein.

Angeführt wird die Weltrangliste überraschend von einem völlig neuen System namens Lineshine, das am Nationalen Supercomputing-Zentrum in Shenzhen installiert ist. Mit einer gemessenen Rechenleistung von 2,198 Exaflops (über zwei Trillionen Berechnungen pro Sekunde) verdrängte Lineshine den bisherigen US-Spitzenreiter El Capitan deutlich auf den zweiten Platz.

Das Besondere an Lineshine ist jedoch nicht nur die schiere Geschwindigkeit, sondern seine Architektur. Das System basiert vollständig auf in China selbst entwickelten Komponenten: Es nutzt die „Lingkun“-Plattform mit 304-Kern-LX2-Prozessoren, das proprietäre LingQi-Netzwerk und das Betriebssystem Kylin OS. Damit beweist Peking, dass es trotz weitreichender westlicher Exportbeschränkungen in der Lage ist, exzellente Hardware ohne ausländische Komponenten zu bauen. Ein weiterer technologischer Kontrast: Lineshine verzichtet auf spezialisierte Grafikbeschleuniger (GPUs) und zieht seine Power ausschliesslich aus klassischen Hauptprozessoren (CPUs).

Hinter dem chinesischen Debütanten folgen die etablierten Exascale-Giganten, die nun ein global verteiltes Feld bilden. Erstmals überschreiten fünf Systeme weltweit gleichzeitig die magische Grenze von einem Exaflop:
1. Lineshine (China) – 2,198 Exaflops
2. El Capitan (USA, Lawrence Livermore National Laboratory) – 1,809 Exaflops
3. Frontier (USA, Oak Ridge National Laboratory) – 1,353
4. Exaflopsaurora (USA, Argonne National Laboratory) – 1,012 ExaflopsJUPITER
5. Booster (Deutschland, Forschungszentrum Jülich) – 1,000 Exaflops

Deutschland und Europa behaupten mit dem Jupiter-System ihren Platz in der absoluten Weltspitze. Jupiter bleibt damit der schnellste Rechner des europäischen Kontinents. Direkt dahinter folgt auf Platz 6 ein neuer europäischer Akteur aus der Wirtschaft: Das System HPC7 des italienischen Energiekonzerns Eni, das nun als leistungsstärkster rein industriell genutzter Supercomputer der Welt gilt.

Der schnellste Schweizer Supercomputer namens "Alps“ belegt aktuell Platz 10 der weltweiten TOP500-Rangliste. Das System steht in Lugano (Kanton Tessin) am Swiss National Supercomputing Centre (CSCS) und erzielt eine gemessene HPL-Leistung von 434,9 Petaflops (0,435 Exaflops). Der Grossrechner basiert auf einer HPE-Cray-Architektur und nutzt insgesamt 10.752 der hochmodernen Nvidia Grace Hopper Superchips. Er wird primär für komplexe wissenschaftliche Berechnungen in der Klimaforschung (z. B. Meteoschweiz), der Astronomie, der Medizin und für die Entwicklung nationaler KI-Modelle eingesetzt.

Der stärkste österreichische Supercomputer heißt MUSICA (Multi-Site Computer Austria) und belegt in der globalen TOP500-Rangliste aktuell einen Platz im Bereich der Top 60 bis Top 70. Im Gegensatz zu klassischen Supercomputern ist MUSICA ein Verbundrechner. Seine Rechenleistung verteilt sich auf drei Universitäts-Standorte, nämlich Wien (TU Wien), Innsbruck und Linz (JKU). Das System erreicht in seiner aktuellen Ausbaustufe eine gemessene HPL-Leistung von 31,84 Petaflops. MUSICA nutzt Lenovo-ThinkSystem-Server, die mit AMD EPYC-Prozessoren und schnellen Nvidia H100 SXM5 Grafikbeschleunigern (GPUs) für KI-Anwendungen ausgestattet sind.

Effizienz- und KI-Debatte

Neben der reinen Rechenleistung rückt die Energieeffizienz immer stärker in den Fokus. Die parallel veröffentlichte Green500-Liste bewertet, wie viele Rechenoperationen ein System pro Watt erzielt. Hier dominieren weiterhin Architekturen, die massiv auf Beschleunigerchips (insbesondere von Nvidia) setzen – angeführt vom System Kairos an der Universität Toulouse in Frankreich mit einer Effizienz von über 73 Gigaflops pro Watt. Chinas Lineshine benötigt für seine Spitzenleistung enorme 42,2 Megawatt Strom und liegt bei der Energieeffizienz weiter hinten.

Zudem betonen Experten eine wichtige Einschränkung der TOP500-Liste: Der traditionelle Linpack-Benchmark misst vor allem klassische wissenschaftliche Berechnungen (wie Klimasimulationen oder nukleare Modellierungen). Moderne KI-Workloads von Tech-Giganten wie Microsoft, Google oder xAI nutzen oft ganz andere Architekturen und tauchen in dieser Liste meist gar nicht auf, obwohl deren reale KI-Rechenleistung die klassischen Supercomputer zum Teil bereits übertrifft.

Die Supercomputer-Rangliste vom Juni 2026 zeigt ein dynamisches, von geopolitischer Konkurrenz getriebenes Bild. Während die USA und Europa ihre Exascale-Infrastruktur kontinuierlich vertiefen und stark auf Energieeffizienz sowie KI-Beschleunigung optimieren, hat China mit einem rein heimischen CPU-Design ein unübersehbares Zeichen technologischer Autarkie gesetzt. Der Wettlauf um die digitale Vormachtstellung hat eine neue, multidimensionale Stufe erreicht.

Auf Platz 10 der Top500-Supercomputer: Der Schweizer Supercomputer ALPS (Bild: Marco Abram, CSCS Lugano)
Auf Platz 10 der Top500-Supercomputer: Der Schweizer Supercomputer ALPS (Bild: Marco Abram, CSCS Lugano)